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Kai Wiener

October 7th, 2008 by The Captain · 10 Comments

“Ich werde eh nur dreißig“ sagte Kai zu mir, als wir zu zweit auf einem Fahrrad in die Morgensonne fuhren. Ich hinten auf dem Gepäckträger und er fuhr natürlich. Jung waren wir, Kai mag damals so um die 18 gewesen sein, wir waren ganz gut angedüst und wir hatten eine Menge Spaß.

Mit Kai habe ich lange Musik gemacht. Nachdem ich aus der weitgehend hoffnungsfreien Band mit dem bewegenden Namen „Pivo“ ausgestiegen war, sprachen mich die Wiener-Brüder an, ob ich nicht bei ihrer damaligen Kapelle „The Long Range“ einsteigen wolle. Als Sänger. Das war neu für mich, der doch seine musikalische Karriere eher als Songwriter mit Weltruhm plante. Aber ich hatte Zeit und ich brauchte das Geld. Und wurde um eine Erfahrung reicher: Wie es ist uncool zu sein.

Kai scherte so was nicht. Wir spielten eine Mischung aus Hardrock und Schweinerock und wir waren: Kai und der Rest. Denn Kai konnte Gitarre spielen wie kaum ein anderer. Mit einem mir nach wie vor unbegreiflichen Talent und einer geduldigen Hartnäckigkeit hörte er sich Dinge raus, die anderswo in der örtlichen Musikszene schlicht undenkbar waren. Das war natürlich uncool, denn gut sein hieß damals schlecht sein.

Kai war das nicht wichtig. Er war gut, er war schnell, er war laut. Sagte ich schon, dass wir Spaß hatten?kai.jpg

Die Toten Hosen kamen und brachten Spaß in unsere Musik (es ist nun mal wie es ist) und Brian Setzer kam und brachte Musik in unsere Musik. Heraus kam eine Band mit dem Namen „Dixie Gunworks“ und ja, auf einmal waren wir cool, kokettierten mit Hinterwäldlerimage und den falschen politischen Aussagen. Grob geschätzt habe ich mit Kai 40 Lieder gemacht, creativity by coincedence sozusagen. Kai brachte eine Idee mit und ich habe irgendwas dazu gesungen, der Text kam später, manchmal viel später. Sangen über um sich schießende Rednecks, altbackende Familienväter, die Töchter wegsperrten und sinnlose Erfindungen wie „Dry counties“. Aber der Text kam wie gesagt später. Wir waren schnell, laut und gut dann auch. Und wir hatten jede Menge Spaß. An Montag Abenden spielten wir vor fast 200 Leuten im Marquee in Hamburg, ja wir hatten unsere fünf Minuten.

Hat nicht geklappt, meinen schnellen, absolut unangekündigten Ausstieg aus der Band hat Kai mir über Jahre nicht verziehen. Machte weiter und spielte später in vielen Bands, die ich aber nicht weiter verfolgt habe.

Das letzte Mal gesehen habe ich Kai vor einem halben Jahr. Ganz der Alte, erzählte er von Sylvester-Gigs auf Ostseefähren mit einer Band, die weitgehend zerstritten war und lachte sich darüber kaputt. Uncool so was. Das echte Leben so was. Wir vereinbarten, die alten Gunworks-Dinger noch mal aufzuwärmen, irgendwann. Kai wollte dafür üben, was mir ja nicht so liegt. Deswegen irgendwann.

Kai, du bist immer gefahren, wie der Henker persönlich, aber das war doch damals, nun sprachst Du immerhin von beginnender Spießigkeit und davon, dass die Abende gar nicht mehr so lang sein müssen.

Ich kann nun sagen, Du hast einfach zu gut Gitarre gespielt um alt zu werden, aber das ist scheiße, denn es wäre unnötig cool und nicht Kai. So bleibt mir nur zu sagen: Ich bin sehr traurig.

Tags: Sing along

10 responses so far ↓

  • Onkel Toby // Oct 7th 2008 at 2:13 pm

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  • Kai Vino Wiener - R.I.P. : slidetone.blog // Oct 7th 2008 at 6:37 pm

    […] Ich hatte mal eine eigene Veranstaltungsreihe im LOGO. Jam & More nannte sich die, einmal im Monat stattfindende, Session in Hamburgs lautester Sauna. Der Grund, warum ich diese Session veranstaltet habe, war ganz einfach: Es gab in Hamburg eine Menge toller Musiker, mit denen ich Lust hatte mal auf der Bühne zu stehen. Einer von ihnen war Kai Vino Wiener. Kai war so eine Art wandelndes Book of Rock’A’Billy Licks. Alles was Brian Setzer je gespielt hat, hat Vino sich auch draufgeschafft. Unfassbar gut. Ich kann mich noch gut an die Jam & More mit den Dixie Gunworks erinnern. Die Jungs haben so einen Spass verbreitet, das ich spontan Lust bekam sowas auch mal zu machen. Aus der Laune hinaus fragte ich Ralf, den Kontrabassisten der Dixies, noch am selben Abend ob er nicht Lust auf ein kleines Sideproject hätte und ob er nicht zufällig auch noch einen Sänger kennen würde, der für eine grosse Tasse Spass zu haben wäre. So lernte ich den Captain kennen. Heute hat der Captain einen Nachruf für Kai geschrieben. Ruhe in Frieden und danke das du da warst, Kai Wiener. […]

  • Sven "Snakeman" Vogler // Oct 7th 2008 at 8:45 pm

    Danke an Boogie und Peter für die bewegenden Worte.
    Ich habe ihn auch viel zu selten getroffen….

    Ein guter Freund und unglaublicher Gitarrist ist weg.

  • Thomas Ritter // Oct 7th 2008 at 10:58 pm

    Ich erfahre gerade von Thomas Heidorn von Kais Tod und bin tief erschüttert.

  • Ralf Lange // Oct 8th 2008 at 1:52 pm

    Habe hier in Spanien ganz zufällig davon erfahren - Sch….!
    Bin sprachlos, was eigentlich nie vorkommt…
    Adios Vino!

  • Stephan Böhme // Oct 10th 2008 at 12:16 am

    Als ich das letzte Mal mit Dir engagiert war und ich selber mich eher zwingen musste den Gig zu machen, bautest Du mich auf mit den Worten: “Du, Stephan, obwohl ich mit diesen Leuten seit Jahren Musik mache, schätze ich am meisten die Tatsache, dass ich nach wie vor in keiner Sekunde weiß, was als nächstes passiert, ich finde das einfach großartig”. . . . und ich dachte . . . ja, Du hast es getroffen. Du hast es bis zum Schluss so gehalten. Nur wer vergessen ist, ist wirklich tot. Rock den Himmel, ich komme Dir beizeiten zur Hilfe!! Dein Stephan

  • Didi"Mad Harley" Joppich // Oct 10th 2008 at 3:32 pm

    Schön, das Du es nochmal auf den Punkt gebracht hast, Danke Peter
    Toll, das Ihr alle da ward bei der Trauerfeier für Kai
    Danke Leute
    Ich hatte einen echten und guten Freund
    Danke Vino

  • Gunnar Vogt // Oct 14th 2008 at 9:22 pm

    Habe nach der ergreifenden Beerdigung nach den alten Photos von dem US Car Treffen in Hannover mit Maschseefest (zweite Hälfte der 90er Jahre) gesucht.
    Ich erinnere mich noch gut, wo ich die Bestellung aufgab: Vier Cocktails “Sex On The Beach“, bitte und die Antwort zurückerhielt: “Junger Mann, das wird aber nicht billig“ und darauf prompt erwiderte: “Danke, das weiß ich selber“ und im Augenwinkel dein Grinsen erkennen konnte.
    Kurz darauf hielten Vino, Ole, Maren und ich die Cocktails in den Händen.
    Nachdem ich 1999 angefangen hatte den 55’ Mercury zu restaurieren, hast du mich oft gefragt, wann dieser nun wieder fahrbereit sei und wir mal wieder eine “Tour“ machen könnten.
    Kai machen wir wieder im nächsten Leben – versprochen.
    Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die können wir nicht beeinflussen.
    Mach’s gut mein alter Freund – Gunnar Vogt

  • Andreas Ebbersmeyer // Oct 14th 2008 at 10:48 pm

    Habe heute über meinen Bruder Ralf Lange erfahren, was passiert ist.
    Hab danach alte Fotos angesehen, deine alten Demotapes gehört und musste an dein typisches Lächeln denken.
    Werde die Miniduelle gegen deine RD250 in Erinnerung halten.
    Wir sehen uns später.

  • Michaela Soenke // Oct 19th 2008 at 4:50 pm

    Alte Zeiten wieder ganz nah!
    Nur gern erinnere ich mich an die Nächte bzw. Morgende nach einem LOLA-Abend.Wenn ich dich mit nach Hause nach Reinbek gefahren habe, quatschen wir bis zur Dämmerung über Gott, Rock’n Roll und die Welt.

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