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Woody Guthrie

December 14th, 2006 by The Captain · 3 Comments

Eine kleine Holzgitarre brachte mich auf die Spur. Die Gitarre hatte schnell den Namen „Woody“ weg und von einer guten Freundin bekam ich das Buch zur Gitarre, die Biographie von Joe Klein über Woody Guthrie und das Buch hat mich nun schon nachhaltig beeindruckt. Selten habe ich so viel erfahren über die USA und noch nie zuvor habe ich mich so intensiv mit einem Künstler befasst, dessen Musik mir eigentlich überhaupt gar nicht zusagt.

Wofür steht dieser Mann, der einen offenbar unstillbaren Schaffensdrang besaß? In seinem Nachlass fanden sich neben diversen Manuskripten und Zettelsammlungen immerhin 3000 unveröffentlichte Songs. Guthrie schrieb offenbar immer, er schrieb alles auf, was ihm in den Sinn kam. Wahrscheinlich kann man ungestraft behaupten, Guthrie würde bloggen, wenn er heute leben würde.

Aufgewachsen ist Guthrie in der so genannten „Dust Bowl“ Oklahomas, dem damals wohl wirklich wilden Westen, der so wenig mit der Verklärung Hollywoods zu tun hatte. Seine Mutter, die ebenso wie Woody an der Huntington-Krankheit starb, hatte ihm die traditionellen Lieder der damaligen Zeit vermittelt und damit die Basis für sein musikalisches Schaffen gelegt.

Er nahm die bekannten Melodien und schrieb dazu neue Texte, die zunehmend politischer wurden. Guthrie wurde begeisterter Teil der US-Gewerkschaftsbewegung, spielte für Streikposten ebenso wie für die an den kargen Ufern der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre Gestrandeten. Ein Hobo, ein auf Güterzügen reisender Wanderarbeiter, war er nicht, gearbeitet hat Guthrie nie, dazu war er offenkundig nicht in der Lage. Er war eher ein Tramp, rast- und heimatlos auf der Flucht. Wer sagt, dass Woody Guthrie ein selbstverliebter und verantwortungsloser Saufbold war, hat übrigens auch Recht.

„He was addicted to wordplay“ schreibt der Guardian und wahrscheinlich geht es noch weiter, möglicherweise hat er nicht nur mit den Worten gespielt, sondern alles für ein Spiel gehalten, der Beobachter, der Reisende, der abends in den Sonnenuntergang reitet. Sehr amerikanisch. Ist Woody schon gewesen und das hat ihm dann auch geholfen.

Ende der dreißiger Jahre wurde Guthrie entdeckt, er stand für das ländliche, das wahre Amerika. Das damals ein Land auf der Suche nach einer eigenen, originären Kultur war und da passte Woody mit seiner Mischung aus intelligenten Texten, die das Leben auf dem Land beschrieben und seinem verwahrlosten, betont einfachem Äußeren. Zudem hatte Guthrie etwas zu bieten. Es war der Höhepunkt seiner musikalischen Kreativität: Die „Dust Bowl Ballads“ fassten seine Wut über die katastrophalen Lebensbedingungen der vor der staubigen Ebene Oklahomas ins vermeintlich geheiligte Land Kalifornien geflüchteten „Okies“ zusammen. Die folgenden Lieder waren getragen von der Euphorie für die politische Bewegung der Gewerkschaften. Guthrie war selber Wirtschaftsflüchtling, wenn auch im Gewand des Bohemien, welches möglicherweise für die spätere Folkbewegung interessanter war, als der wirkliche Woody.

Ich weiß nicht ob ich Joe Klein falsch verstanden habe, aber Guthrie spielte offensichtlich für eine gewisse Zeit den Clown für die Gesellschaft der Intellektuellen. Und so entstand das (von Guthrie selber liebevoll geprägte und gepflegte) Image des Landtrottels, der die einfache Wahrheit singt. Guthrie machte in Wahrheit mehr. Er war selber ein Intellektueller (wenn auch von sehr chaotischem Format) und schaffte eine Kunstsprache - mit künstlerischer und politischer Tiefe.

Das Interesse an ihm ebbte ab (und er benahm sich häufig sehr daneben…), der Krieg kam, die amerikanische Identität wurde anderswo gefunden und Guthrie blieb der kleine Mann. Seine Sympathie für die Kommunisten kam zudem nie sonderlich gut an im Land der Tapferen und Freien.

Woody war wohl zeitlebens - und ist es auch darüber hinaus geblieben – eine Art Projektionsfläche für das richtige Amerika. Er hat sich dafür bereitwillig hergegeben. Bezeichnend, dass die US-Republikaner 2004 am Abend der Wiederwahl von Bush gemeinsam „This Land ist Your Land“ sangen, das wohl bekannteste Lied eines amerikanischen Kommunisten, der es als Hymne für die Kleinen Leute, denen Guthrie das Land gerne gegeben hätte, komponiert hatte. Von dem er fürchtete, die Menschen könnten es vergessen, so dass er es Zeile für Zeile seinem Sohn Arlo beipaukte. Nun, es wurde nicht vergessen.

Wofür steht Guthrie denn nun? Ich denke zunächst einmal für den Glauben, dass man über Lieder etwas verändern kann. Dass man mit Musik Menschen zusammenbringt und in der Lage ist, Gedanken zu formulieren und zu transportieren. Und das man möglicherweise an etwas glauben muss, wenn man Musik machen will. Guthrie steht für die Weisheit, dass man nur über Dinge schreiben und singen kann, die man auch erlebt hat. Letztendlich steht er aber auch dafür, dass die Menschen eben immer genau das verstehen, was sie gerade verstehen wollen.

Tags: All Time Favourites

3 responses so far ↓

  • Haarbueschel // Dec 14th 2006 at 3:34 pm

    Interessanter Text. Ich würde aber schätzen, er steht eher für den letzten Satz. Mit dem vorletzten habe ich so meine Probleme…

    Durch Zufall habe ich mal eine CD bekommen, auf der Rambin’ Jack Elliott Songs von WG singt, die ist völlig phantastisch.

  • Il Capitano // Dec 14th 2006 at 3:56 pm

    Ramblin’ Jack Elliott kommt in dem Buch auch vor. Er war einer der ersten späten Jünger, die an die Tür klopften. Offenbar konnte er Woody besser kopieren, als Woody sich selber..ähh…naja, weißt schon, was ich meine.

    Der vorletzte Satz ist aber schon sehr Woody. Er hat -so denn man Joe Klein glauben darf- insbesondere in der Almanac-Zeit gerne seine Mitstreiter belehrt, dass es so ist. Ich persönlich glaube da nur bedingt dran. Ich habe auf jeden Fall weder jemanden mit dem zweiten Schuß sterben lassen und auch nicht in South Idaho eine Bank überfallen. Singen kann ich prima drüber.

  • Ich und Robbie | Cpt.Stubing & the Loveboats // Dec 14th 2006 at 6:17 pm

    […] Es ist ja häufig so, dass man etwas dämlich daher schaut, wenn man sich zusammen mit Prominenten ablichten läßt, aber ich finde Robbie kommt hier ganz gut bei weg. Wir trafen uns auf einer Nordseeinsel um die Dust Bowl Songs von Woody Guthrie einzuspielen. Und er wollte unbedingt ein Bild… […]

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