Das erste und bislang letzte Mal gesehen habe ich Stoppok 2001; damals noch im BKA-Zelt. Ich arbeitete für das Label von Chris Whitley, der dort im Vorprogramm auftrat, weshalb ich mich nicht mehr an vieles vom Hauptact erinnern kann. Danny Dziuk, Stoppoks kongenialer Co Songwriter und Keyboarder, war mit seiner eigenen Band Dziuks Küche ebenfalls bei Whitleys Label, weshalb die ganze Veranstaltung einen recht familiären Charakter bekam… Überhaupt kannte ich Stoppok nur, weil mir ein Mädchen aus meiner Uni mal das “Happy End im La-La-Land”-Album geschenkt hatte. Ihr Herz hat sie dann leider behalten, aber das ist eine andere Geschichte.

Gestern war Stoppok nun also in wieder in Berlin, Solo, und der Ort war gut gewählt. Da der Tränenpalast im letzten Jahr seine Pforten schliessen musste, scheint das musikalische Programm seine neue Heimat im Babylon-Kino gefunden zu haben, wovon zumindes eine Tränenpalast-Neonreklame über der Bühne kündet. Der Saal fast mehrere hundert Leute, die Sitze sind so bequem das Stoppok später von der Bühne behauptet, der Laden hätte das ganze Geld in die Sessel gesteckt, da sei wohl nicht mehr genug für eine vernünftige P.A. übrig gewesen.
Kurz nach neun kommt er auf die Bühne und wird erwartungsfreudig beklatscht. Er beginnt mit “Sansibar” und einem anderen Stück, die noch etwas kraftlos und schwachbrüstig sind, steigert sich dann aber sehr schnell und spätestens zu Pause mir ist klar, warum man diesem Mann kaum etwas anderes als Sympathie entgegenbringen kann. Zum einen hat er natürlich eine Menge exzellenter Songs, die ganz im Sinne amerikanischer Songwritingtraditionen Geschichten erzählen. Dabei schafft er es traumwandlerisch, sie trotz aller Klarheit sensibel genug für persönliche Identifikationen zu halten, und das bei minimalstem Klischeeaufkommen (Wer sich das nicht vorstellen kann, der lege beim nächsten Liebskummer mal “Wie tief kann man sehen” oder “Wetterprophet” auf). Sein Humor verschafft ihm immer dann wieder genügend Distanz zur eigenen Person, gibt aber die Figuren in seinen Liedern nie der Lächerlicheit preis. Und schliesslich sein jungenhafter Charme, gepaart mit gutem Aussehen und einer leichten und gepflegten, aber nie verstörenden Exzentrik. Und überhaupt: Stoppok ist ein Ladie’s Man, ich glaube, ich habe noch nie einen so hohen Frauenanteil bei einem Konzert gesehen.
Ich muss zugeben, dass sein Schaffen in den letzten Jahren etwas an mir vorbei gezogen ist. Einen grossen Hit wie “Dumpfbacke” hat er, glaube ich, nicht mehr gehabt, und seine Instrumentalausflüge haben mich eher kalt gelassen. So scheint dann auch ein Großteil der Konzertbesucher ihn schon seit längerem zu kennen, was nicht unbedingt ein Problem sein muss. Merkwürdig wird es dann nur, wenn manche Leute wie von höheren Wesen befolen zwanghaft mitklatschen, sobald das Tempo etwas anzieht. Natürlich immer auf 1 und 3. Was kriegen die wohl mit von Stoppoks Texten?
Würden sie besser zuhören, dann könnten sie zum Beispiel auch feststellen, was für ein umwerfender Gitarrist dieser Mann ist. Viele seiner Songs kenne ich nur in den Band-Versionen, trotzdem fehlt überhaupt nichts, wenn er sie nur mit der Akustischenbegleitet. Dabei hat er so ziemlich alle Stilistiken drauf, die man so kennt, hat es aber nie nötig, das auch raushängen zu lassen. Egal, was er spielt, ob fingerpicking, Carter Scratch, ob mit Bottleneck oder bei Open Tunings - sein Ton ist immer klar und deutlich. Alleine die irre schnelle, aber völlig unverkrampfte Picking-Attacke von “Learning by burning” wäre ein Grund für die Mucker-Polizei, Stoppok mal ganz genau auf die Finger zu schauen.
Nach mehr als zweieinhalb Stunden ist es schon vorbei. Während der Zugaben gehe ich nach hinten und sehe in einer der letzten Reihen das Mädchen, das mir vor Jahren das Stoppok-Album geschenkt hat. Neben ihr sitzt wohl ihr Freund, eine unrasierte Gestalt mit Lederjacke und grossem lila Halstuch, die grosszügig am Takt vorbei klatscht und dabei auf seinem Platz hin- und her zappelt,um die Bühne sehen zu können. Sie schaut mir kurz in die Augen, aber ich glaube nicht, das sie mich erkannt hat. Ich lächle und gehe ins Foyer.
4 responses so far ↓
Boogie // Dec 14th 2006 at 5:21 pm
Schöner Text (und ziemlich unerwartet, also nicht weil der Text schön ist, sondern weil du über Stoppok schreibst). Findichgut. Ich bin ja seit ewigen Zeiten von Stoppok ziemlich angetan, wobei ausgerechnet “Dumpfbacke” und “Twentours”, seine beiden einzigen Hits, mir völlig am Allerwertesten vorbeigegangen sind. Songs wie “Wie tief kann man sehen”, “Wetterprophet”, “Aus dem Beton”, “Land in Sicht”, “Wer mir fehlt”, “Learning by Burning”, “Denk da lieber nochmal drüber nach” und “Wenn du gehst” gehört für mich aber zum besten was es im deutschsprachigen Bereich gibt. Live hab ich Stoppok sowohl mehrmals mit Band als auch mit Reggie im Duo gesehen und selten gab es weniger als 2 1/2 Stunden Befriedigung vom Allerfeinsten. Einmal, ich glaub in der Großen Freiheit, waren es sogar fast 3 1/2 Stunden. Und wo bekommt man heute noch soviel Lied für soviel Zeit?
Eine sehr schöne Version von Wetterprophet hat Stoppok übrigens gerade auf seiner Myspace Seite. Eingespielt mit Musikern aus Kalkutta, Köln und Berlin. Ist ja klar, wer aus Berlin da die Tasten drückt. Der der auch die meisten wirklich richtig großartigen Texte für Stoppok geschrieben hat.
The Captain // Dec 14th 2006 at 5:56 pm
Natürlich auf die 1 und 3. Natürlich.
Die Tour geht ja noch weiter, also auch Hamburg zum Beispiel (Daten gibts auch bei Myspace). Werde mir aber kein großes lila Halstuch besorgen.
Boogie // Dec 14th 2006 at 6:11 pm
Ich würd mir ja sogar ein lila Halstuch besorgen, aber leider ist das Budget für modische Accessoires im Dezember schon ausgereizt.
der schlanke mann // Dec 15th 2006 at 10:05 pm
Wie schon mal erwähnt, ich kann mich nur anschliessen. Ladies man, naja…
Das mit 1 und 3 begreife ich auch schon seit Jahren nicht, müsste doch von dem Volksmusikmitgeklatsche eigentlich in den Genen verankert sein.
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